Prolog: Gott und die Welt

Hallo, ich bin’s, Luzifer,  Koch-Patisseur der Steinofen Backstube Hollen

Es ist dies mittlerweile der fünfte Brief, den ich Ihnen schreibe, von denen Sie allerdings bis jetzt keiner erreicht hat. Über die Ursachen hierzu zu spekulieren würde zu weit führen und soll nicht unser Thema sein. Sie bekommen hier alle diese Briefe zu lesen, und, viel wichtiger, Sie haben alle Produkte um die es ging, angeboten bekommen. Somit ist kein Schaden entstanden. Trotzdem, bei Gesprächen darüber sagte eine unserer Verkäuferinnen, Frau Schmidt, und zwei meiner Freunde: „Mensch, dann nimm das doch selber in die Hand!“ Frau Schmidt behauptete noch dazu: „Die Leute warten darauf, die fragen danach.“ Und zwei meiner Freunde, Philip und Markus, die dies professionell betreiben, erklärte sich gerne bereit die technische Umsetzung zu übernehmen, weil ich da so überhaupt kein Talent habe. Allerdings nur wenn ich meine Werder Bremen kritischen Bemerkungen streichen würde. Ist bisher, außer dieser, nur eine kleine, das bemerkt er bestimmt gar nicht, wenn sie noch drin bleibt. Ich nehme das jetzt also selber in die Hand. Ändern werde ich an den vorherigen Briefen nichts, wenn es also Wiederholungen gibt, ahnen Sie vielleicht woran es liegt.

Ein Prolog also. Fangen wir mit einem frischen dabei jedoch auch klassischen Thema an. Dieses Jahr, 2011 also, war das 25jährige Jubiläum des Ökomarkts in Bremen. Die klischeehafte Berichterstattung von Buten und Binnen war echt der Knaller. Wieso hatte ich bloß was anderes von Journalisten erwartet? Höhepunkt in meinen Augen war die Bildtotale auf die wahrscheinlich selbst gestrickten Wollsocken mit echten Sandalen eines Kunden. Und das Interview mit einer Kundin, die bemerkte, alles sehe so harmonisch aus, da müsse es im Untergrund doch brodeln. (Na hoffentlich brodelt es bald!) Es hätte nur noch die Frage gefehlt, ob Bio denn nun wirklich gesünder ist?

Vor 25 Jahren hätte ich diese Frage noch mit Enthusiasmus zu beantworten versucht. Heute sage ich nur noch, und das auch nur noch einmal hier: In Deutschland werden jedes Jahr nur an Pflanzenschutzmitteln, hochwirksame Gifte also, 80.000 Tonnen auf unsere Nahrung versprüht. Das macht für jeden Esser 1 Kilo. Knapp drei Gramm pro Tag, Importe (haben wir ja kaum) nicht eingerechnet.  Fast kann man da nur noch guten Appetit wünschen, und viel Spaß damit. Oh, Glück, ja, Glück natürlich zudem. Aber auch nur fast, denn warum soll man warten bis wirklich tausende Tote durch einen Erreger Realität sind, der aus Gülle oder ähnlich abscheulichen Fahrlässigkeiten der Landwirtschaft hervorgetreten ist, wie etwa die Schweinegrippe es durchaus hätte sein können, um den sofortigen Ausstieg aus der industriellen Landwirtschaft zu fordern? Nur weil es eine Forderung der Utopisten ist!

Meine Beschäftigung mit dem Thema geht da einen Schritt weiter. Neulich hörte ich, der BUND kritisiert die Bioszene mit der Frage: Was ist gut an Bio, wenn ein auf Hochleistung gezüchtetes Milchvieh in Massentierhaltung ein Bioprodukt erzeugt? Ist das die oft zitierte artgerechte Tierhaltung? Heute können Sie jeden Rohstoff in zertifizierter Bioqualität zu unglaublich günstigen Preisen erwerben, was Ihnen als Konsumenten natürlich auch unglaublich günstige Endverbraucherpreise bietet. Nicht das ich die Bioqualität anzweifele, die Kontrollen reichen wirklich weit, weiter als irgendwo sonst, aber die kulinarische Qualität lässt gelegentlich zu Wünschen übrig. Mit anderen Worten, Bio alleine reicht nicht. Sie finden in meinen Briefen an Sie einige konkrete Beispiele dieser Aspekte und meine Reaktion darauf. Und Sie sollen an den Beispielen sehen können, warum Nahrungsmittel in Deutschland zu billig sind.

Als einer der nächsten Brief etwa, die Geschichte der kandierten Orange. Der Feinschmecker schreibt: „Kandierte Orangen von guter Qualität sind im Handel nicht zu erwerben.“ Deswegen mögen Sie keine kandierten Orangen. Das Rezept welches alternativ angeboten wird, ist allerdings nur im ambitionierten Privathaushalt anwendbar, oder in einer Patisserie, die pro Stückchen wirklich 4,50 € bekommt. In kleiner Menge also. Das ist der Punkt, an dem meine Arbeit beginnt. Und wenn man unter der richtigen Prämisse an diese (oder auch jede andere) Aufgabe heran geht, dann hat man auch Erfolg. Das ist ein universelles Gesetz. Universelle Gesetze sind unumstößlich. Überlegen Sie mal die Möglichkeiten die sich so auftun; ziemlich cool, oder? Wählen Sie die Utopisten.

Leider ist die richtige Prämisse der größte Mangel in unserer Welt, was wiederum vieles erklärt. Sie lautet: Respekt und Liebe gegenüber allem. In diesem Fall gegenüber der Orange und dem Esser, also Ihnen. Dem Produzenten natürlich auch, sollte man nicht vergessen. Eigentlich müsste es von der Wertigkeit her anders herum lauten, Liebe und Respekt. Da ich aber glaube, dass es Liebe hin und wieder noch gibt, zum Beispiel unter frischen Pärchen (ich lerne bei Gesprächen über Hochzeitstorten manchmal welche kennen) ich Respekt aber vollends vermisse, habe ich diese Formel umgedreht. Kann ich einfach so machen, ich bin ein Mensch, ich kann in dieser Welt machen was ich will, ich muss nur die Konsequenzen tragen.
Respekt und Liebe (und Spaß, ohne Spaß läuft gar nichts) das wünsch ich uns